KIS 2019 – Status und Ausblick

  • Florian BenthinFlorian Benthin

Der Krankenhausinformationssystem (KIS)-Markt bewegt sich nur langsam, was ist neu und was ist noch dringend nötig umzusetzen?

Vor etwa einem Jahr hat Deloitte eine groß angelegte Studie zum Status der KIS in Deutschland durchgeführt. Ein wesentliches Ergebnis war, dass aktuelle Systeme die Möglichkeiten, die die Digitalisierung eröffnet, nicht ausnutzen. Ein Gespräch mit Florian Benthin, Senior Manager im Consulting-Bereich bei Deloitte, über den aktuellen Status.

M&K: Haben die Hersteller seit dem Ergebnis der letzten Studie Konsequenzen gezogen und ihre Lösungen verbessert?

Florian Benthin: Die Resonanz auf die Studie war großartig – viele Anwender sind auf uns zugekommen und haben unsere Ergebnisse bestätigt. Wenn man sich allerdings die diesjährigen Portfolio-Updates auf Basis der verfügbaren Informationen anschaut, zeigt sich, dass der KIS-Markt recht träge ist. Und doch hat sich etwas in den letzten ein bis zwei Jahren geändert. Neue Hersteller mit im Ausland etablierten Produkten betreten den deutschen Markt und erzeugen Veränderungsdruck. Wir vermuten, dass dieser Druck wächst und ggf. weitere Marktteilnehmer hinzukommen und die hiesigen Player reagieren müssen. Allerdings sind die Potentiale immer noch sehr groß, egal ob etablierter Hersteller oder neuer Marktteilnehmer. Beispielsweise bietet kaum ein KIS-System die native Integration von Daten von Wearables von Patienten.

Welche Schritte empfehlen Sie den Herstellern, damit sie die noch immer ungelösten Aufgaben realistisch und mit einem möglichst rasch spürbaren Patientennutzen angehen können?

Benthin: Zugegeben, eine Veränderung herbeizuführen, ist nicht kurzfristig machbar. Dazu sind die Systeme zu komplex und „historisch gewachsen“. Insgesamt sind aber drei Aspekte besonders wichtig: Erstens sollten Hersteller prüfen, ob die jeweiligen Software-Architekturen und Basis-Technologien noch „State-of-the-Art“ sind. Häufig basieren KIS-Software-Systeme auf alten Programm-Codes, und Module werden immer nur per interne Schnittstellen angebunden. KIS-Hersteller kaufen immer wieder Firmen mit Softwareprodukten für spezifische Aufgaben hinzu und integrieren diese Produkte nicht richtig in die eigene Software-Suite.

Die KIS-Software-Suite wirkt dann – da meist keine einheitliche Struktur – wie ein Flicken-Teppich mit sehr alten und neuen Flicken.
Zweitens sollten Hersteller sich stärker am Patienten orientieren. Viele heutige KIS-Systeme sind aus der administrativen Perspektive eines Krankenhauses entstanden, d. h., es wurden Software-Lösungen erschaffen, die die Abrechnung effektiv erledigen und die gesetzlichen Anforderungen erfüllen. Dabei stand jedoch nie der Patient im Vordergrund. Das muss sich ändern. Beim Entwickeln neuer Lösungen sollte man auch unterstützende multidiszi­plinäre Methoden wie z.  B. Design Thinking oder agile Software-Entwicklung nutzen. Bisher werden diese von vielen Herstellern im Gesundheitswesen noch gar nicht oder nur sehr unzureichend angewandt.
Schließlich sollten sich einige KIS-Hersteller auch von anderen Industrien inspirieren lassen, selbst wenn der deutsche Gesundheitsmarkt komplex und hochgradig reguliert ist. Beispielsweise sind im Bereich der Medizintechnik die Innovationszyklen kürzer, obwohl hier die Produkte und deren Produktion technisch hochkomplex sind und Regularien ebenfalls die Freiheiten des Marktes einschränken. Durch einen globalen Wettbewerb werden Produkte immer anwenderorientierter.

Wie sieht es bei mobilen Anwendungen aus? Inwieweit ist das KIS auf mobilen Endgeräten herstellerneutral anwendbar? Und wie schätzen Sie die Marktdurchdringung dieser mobilen Variante ein?

Benthin: Jeder Hersteller möchte natürlich seine Software verkaufen und konzentriert sich bei der mobilen App nur auf die eigene Software. Der Anwender hat aber wenig davon, wenn sich die App eines KIS-Herstellers nicht in das RIS/PACS des Krankenhauses einbinden lässt, da dieses ggf. nicht vom gleichen Hersteller ist. Letztlich will der Anwender eine einzige App und nicht fünf oder zehn verschiedene mit unterschiedlichem Bedienkonzept und Design. Hier ist mehr Integration gefragt und letztlich auch Interoperabilität. Daran hapert es häufig zwischen KIS-Software-Produkten und unterschiedlichen IT-Systemen und auch in der Kommunikation mit Patienten-Daten.
Zudem haben viele Kliniken nur eine ungenügende WLAN-Abdeckung. Gerade in großen Klinik-Komplexen reicht die Verbindung über mobiles Internet über UMTS/LTE nicht aus. Hier wird der Investitionsstau vieler Krankenhäuser ersichtlich, der immer wieder in verschiedenen Studien, wie dem Krankenhaus-Rating-Report, verdeutlich wird.

Hat sich denn bei der Integration von Echtzeitdaten etwas bewegt? Vor einem Jahr war ein ganz wesentlicher Kritikpunkt, dass nur zehn Prozent der Befragten der Meinung waren, dass das eingesetzte KIS die optimale ökonomische Steuerung des Krankenhauses gut unterstützt.

Benthin: In der Regel können das die KIS-Produkte immer noch nicht. Letztlich sieht die heutige Software-Architektur vieler KIS-Produkte das auch nicht vor, d. h., Business-Warehouse-Module sind häufig separat, weil dazugekauft oder später entwickelt, und somit nicht oder schlecht integriert. Hier sind Hersteller mit Produkten auf neuerer Basis besser aufgestellt.

Patienten erwarten heutzutage digitalisierte Angebote, seien sie personalisiert, in Smartphone Apps oder als Online-Service verfügbar. Letztes Jahr hatten aber 60 % der Befragten angegeben, dass sie keine elektronische Unterstützung während ihrer Zeit im Krankenhaus hatten. Ist hier eine Verbesserung festzustellen? Und falls nicht: Was muss jetzt geschehen, dass sich daran etwas ändert?

Benthin: Wir sprechen mit einigen Kliniken, die eine Digital-Strategie aufbauen. Gerade die Kunden, denen Innovation wichtig ist, möchten Dienste wie Apple Health nutzen, wenn sie in Deutschland verfügbar sind und Fragen zum Thema Datenschutz und IT-Sicherheit geklärt sind. Immerhin geht es in kleinen Schritten voran. Krankenkassen bauen erstmalig Portale für die Versicherten auf. Auf diesen ersten Schritt müssen aber weitere folgen. Es reicht nicht, Informationen nur digital zur Verfügung zu stellen, die Patienten wollen auch sinnvolle und sichere Mehrwertdienste. Das könnte die Anbindung an das Krankenhaus und die elektronische Übermittlung von Daten sein oder die Analyse ausgewählter Daten mit neuester Forschung. Hier könnten neue Player, wie BIG-TECH-Firmen, zukünftig eine große Rolle spielen, die bisher nicht im Gesundheitsmarkt bzw. KIS-Markt aufgetreten sind. Deren Lösungen könnten den Patienten tatsächlich zum „Herren seiner Daten“ machen und damit in den Mittelpunkt stellen.

Auch die wirtschaftliche Steuerung und das Risikomanagement durch KIS wies laut Ihrer Studie letztes Jahr Schwächen auf. Die Möglichkeiten dazu wurden nur als „mittelmäßig“ betrachtet. Hat sich hier etwas verändert?

Benthin: Ähnlich wie bei der Integration der Echtzeitdaten hat sich wenig verändert. Hier spielt allerdings auch noch ein anderer Punkt eine große Rolle, denn die Ansprüche und Anforderungen haben sich geändert. Früher wurde ein Krankenhaus mit anderen KPIs gesteuert, als es heute notwendig ist. Neben den üblichen Parametern wie Betten-Auslastung und CaseMix-Punkte spielen heute Prozesskosten eine große Rolle. Dazu sind zudem komplexe Kostenträgerrechnungen notwendig, um patienten- und fallgenau sagen zu können, was die einzelnen Elemente einer Behandlung tatsächlich kosten. Das lässt sich zwar alles digital abbilden, aber kaum nativ in einer KIS-Software.

Welche Trends sehen Sie generell in diesem Markt? Was muss passieren, damit die Digitalisierung im Gesundheitswesen und speziell in den Kliniken nicht länger mit angezogener Handbremse erfolgt?

Benthin: Vielen Kliniken fehlt es an Finanzierungskraft, und wenn diese doch vorhanden ist, dann werden nur lokale oder ggf. regionale Lösungen geschafften. Makroökonomisch gibt es aber mehrere Szenarien, wie die Digitalisierung forciert werden kann. Zum einen sind das regulatorische Möglichkeiten. Die Bundesregierung sollte sich verstärkt Gedanken zu einem eHealth-Gesetz 2.0 machen und gerade im Bereich der Förderungen viel stärker aktiv sein. Letztlich hat man in den USA am „Meaningful Use Program“ gesehen, dass Investitions- und Förderprogramme signifikant zur Digitalisierung beitragen können. Ein anderes Szenario ist von den Patienten bzw. Kunden getrieben. Wenn digitale Angebote Mehrwerte schaffen und der Business Case stimmt, werden sich solche Lösungen schnell durchsetzen, die dann ebenfalls die Digitalisierung forcieren.

 

Zur Person

Florian Benthin ist seit ca. drei Jahren bei Deloitte tätig. Sein Arbeitsschwerpunkt ist die Technologie-Beratung im Life-Science- und Healthcare-Bereich. Bevor er zu Deloitte kam, war Benthin im IT-Management für verschiedene Organisationen im Gesundheitsbereich und große Digitalisierungsprojekte verantwortlich.
 

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